Aktuelles Branchen Soziales NETZwerk Firmenportraits Soziale Stadt Historie
News
"Zwischen den Jahren"
Winterlich-besinnliches von Sibylle Sophie

Die Dichterin und Autorin Sibylle Sophie und wir von stuttgart-rot.info wünschen all unseren Leserinnen und Lesern eine schöne Zeit "zwischen den Jahren" und einen obligatorischen "guten Rutsch" und möchten Ihnen als exklusives Dankeschön drei winterlich-besinnlich Gedichte und Erzählungen der Feuerbacher Autorin vorstellen.

Die Kurzgeschichten und Gedichte sind aus ihrem Buch "Hinter den Sternen wohnt die Ewigkeit" entnommen - wir wünschen viel Vergnügen beim Lesen und bedanken uns für Ihre Treue und Ihre Besuche!

Ihre Sibylle Sophie und die stuttgart-rot.info-Redaktion


Ein ganz normaler Wintertag

Der Regen, der schon seit Tagen vom Himmel floss und das Land in eine Sumpflandschaft verwandelte, hörte urplötzlich auf. Vier Sonnenstrahlen bahnten sich den Weg durch die dicken, dunklen Wolken zur Erde. Der Wind fand dies so lächerlich, dass er in heftige Böen ausbrach. Beleidigt zogen die vier zart besaiteten Sonnenstrahlen von dannen und der Regen konnte sein Werk weiter fortsetzen.
Um drei Uhr nachmittags war es schon wieder Nacht geworden, doch die Menschen in den Häusern, den Büros und in den Amtsstuben bemerkten nicht, dass es draußen dunkel war, denn es brannten alle Lichter den ganzen Tag - überall und sowieso.
Alle Leute waren sehr beschäftigt und in Eile und hatten keine Zeit, sich um die Zeit zu kümmern - ausgenommen ein wenig vielleicht jene, welche in den Amtsstuben der Dinge harrten, die da kommen mochten - oder lieber nicht!
Gegen Abend wandelten sich allmählich die Regentropfen und wurden zur weißen Leichtigkeit, die aus den Wolken herunter schwebte. Immer dichter und dichter schwebten die Schneeflocken vom Himmel und breiteten gnädig einen samtenen weißen Mantel über die Sumpflandschaft.
Still war es, ganz still. Der Schnee dämpfte alle lauten Geräusche.

Dann riss der Himmel auf, ein paar Sterne blinzelten und fingen an zu funkeln - blau und weiß und gelb - und ein Stückchen vom Mond lächelte hinter einer Wolke hervor.
- Und mit einem Mal war die Nacht ganz hell! Der weiße Mantel, der die Erde einhüllte, leuchtete im Mondschein
- und Abertausend Diamanten glitzerten.

Winterzauber.

Dezembermärchen.

Stille, helle Nacht.




Dezember in Andalusien


Hohe Berge strecken sich hin zum Meer,
werden zu sanften Hügeln und Klippen.
Ein grüner seidener Mantel breitet sich über das Land,
bestickt mit bunten Steinen und Perlen.
Wie schön du bist, Andalusien.

Im Olivenhain am Hang am Wege nach Cómpeta
ernten Bauern die reifen, prallen Früchte.
Blühende Mandelbäumchen umsäumen hängende Gärten.
Zitronen, Orangen, verwöhnt von der Sonne, warten darauf, gepflückt zu werden.
Wie herrlich du duftest, Andalusien.

Die Strandpromenade von Rincón de la Victoria führt zu einer steilen Klippe. Dora, eine hübsche blonde Frau mittleren Alters, sitzt dort auf einer Bank im Halbschatten unterhalb der hohen Felsen an der Ostseite und blickt lange Zeit weit hinaus aufs Meer, dann beginnt sie zu schreiben. – Sie schreibt an Pablo, den sie nicht vergessen kann.

Zur selben Zeit sitzt auf der gegenüberliegenden Seite der Klippe, auf halber Höhe, dort wo die Felsen weniger schroff und grün bewachsen nach Westen hin abfallen, ein dunkelhaariger Mann, Mitte fünfzig, in der Sonne auf einer Bank zwischen Agaven und rot blühenden Bougainvilleen. Auch er schreibt einen Brief, jedoch ohne lange zu überlegen – er schreibt, was ihm seine Sehnsucht diktiert. – Er schreibt an Dora, die er nicht vergessen kann, die er wieder sehen will, und die so weit entfernt im Norden wohnt. – Er schreibt: „Ich warte auf Dich. Pablo.“

Als es Abend und kühler wird, geht Dora langsam zurück zum Hotel. Sie spaziert den Strandweg entlang, bleibt plötzlich stehen, zerknüllt den Brief, den sie am Nachmittag geschrieben hat, und übergibt ihn den Wellen im Meer. – Morgen wird sie nach Hause fliegen.

Es waren nur wenige Schritte, die Dora und Pablo trennten an diesem einen Nachmittag im Dezember. –


An grünen Berghängen leuchten weiße Dörfer in der Sonne,
dicht aneinander kauern sich die Häuschen in den steilen engen Gassen.

Maurische Paläste, arabische Burgen, Minarette, Moscheen –
Tausendundeine Nacht.
Duftende Rosen, marmorne Bäder, filigrane Ornamente –
orientalische Spiele mit Farben und Licht.
Wie reich du bist, Andalusien.




Der Engel Philipp

Philipp, der Engel, sitzt - nein, nicht auf einer Wolke - Philipp, der Engel, sitzt in meinem Kirschbaum.
Nun ja, sehen kann man ihn nicht, denn er ist durchsichtig, wie alle Engel. Durch ihn hindurch schimmern die Kirschblüten im Frühling, die reifen Kirschen im Sommer, das bunte Laub im Herbst und im Winter die kahlen, nackten Äste. Aber ich weiß, Philipp sitzt dort in meinem Kirschbaum - denn ich kann ihn hören, allerdings nur in der Nacht, wenn alles ruhig ist und schläft und ich wach liege, dann fängt er an zu singen und auf seiner Harfe zu spielen - Philipp hat auch eine Harfe, so wie alle rechten Engel eine Harfe haben, und Philipp ist ein rechter Engel, nur, Philipp schwebt halt nicht auf einer Wolke, Philipp sitzt lieber in meinem Kirschbaum.
Irgendwie, so scheint es mir, hat Philipp aber seit einiger Zeit Probleme. Er spielt nicht mehr nur auf seiner Harfe und singt dazu mit Engelszungen, nein, er hat sich eine Geige zugelegt, spielt wilde Weisen, wie Arpad, der Zigeuner, oder er trommelt gar - mindestens zwei Trommeln hat er sich angeschafft - und bringt mich um den Schlaf. Vergangene Nacht hat es geklungen, als ob er nun auch noch Posaunen und Trompeten sein eigen nennen würde - eine ganze Bigband spielte in meinem Kirschbaum! Um das Maß aber voll zu machen - am Schluss sang er auch noch »die Internationale«, brüllte – nicht sang - Revolutionslieder und rief lauthals alle Engel zum Freiheitskampf.
»Auf, auf ihr verschlafenen Engel, auf«, rief er, »runter von eurer gemütlichen Wolke, ihr werdet gebraucht, ihr sollt nicht mehr nur singen! Lasst uns endlich für die Freiheit kämpfen, lasst uns dort sein, wo die Freiheit nicht, oder nicht mehr zu Hause ist - und gleich hier, ein paar Häuser weiter, fangen wir an.«
Plötzlich war es ganz still geworden in meinem Kirschbaum - ich weiß, Philipp ist ins Nachbarhaus geflogen - dort wohnt ein Mensch, der keine weiße Hautfarbe hat.





Sibylle Sophie


"Dezember in Andalusien" "Ein ganz normaler Wintertag" "Der Engel Philipp"
aus dem Buch: "Hinter den Sternen wohnt die Ewigkeit"
R.G.Fischer Verlag, Frankfurt a. M., ISBN 3-8301-0755-2


Erhältlich im Buchhandel, bei der Buchhandlung Hübsch und Schairer in Feuerbach
Mehr über Sibylle Sophie unter www.sibyllesophie.de


28.12.2006

Zurück | Artikel versenden




     www.stuttgart-rot.info   CMS     CRM   Stadtplan Statistik Impressum