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Mancher verzichtet nur aufs Verzichten
Die Fastenzeit hat begonnen


Am Aschermittwoch hat die kirchliche Zeit des Entsagens begonnen - "Entscheidend ist allein der Wille". In den Tagen zwischen dem Aschermittwoch und der Osternacht verzichten viele Menschen, auch im Stuttgarter Norden, auf Genussmittel, Fleisch oder Alkohol Aber nicht nur das Entsagen steht in dieser Zeit im Vordergrund.

Die Fastenzeit ist eine Tradition, die bereits in der Bibel ihre Ursprünge hat. Der Zeitraum des Fastens, auch Passionszeit genannt, richtet sich nach dem Osterfest. Nach dem Karneval wird für 40 Tage dem Fleisch Lebewohl gesagt, wie es die Übersetzung des lateinischen Carne vale bedeutet. Seit dem Konzil von Nikäa im Jahr 325, der heutigen Stadt Iznik nahe Istanbul, wird Ostern am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond gefeiert. Gemäß den Ostertagen beginnt die Fastenzeit immer sieben Wochen vor dem Fest der Auferstehung Christi. In diesem Jahr dauert sie von 21. Februar bis 7. April. Das Vorbild der Kirche ist das Fasten Jesu in der Wüste: „Als er 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger", ist im 4. Kapitel des Matthäus-Evangeliums zu lesen.
Die Zahl 40 hat in -der Bibel noch weiteren Gehalt: Das Volk Israels war 40 Jahre in der Wüste. Der Prophet Elia wanderte 40 Tage durch die Wüste, und Mose verbrachte genau dieselbe Zeit auf dem Berg Sinai, bis er von Gott die Gebote empfing.
In anderen Religionen, wie dem Islam, gibt es auch eine Fastenzeit. Im Koran steht beispielsweise: „Fasten ist gut für euch, wenn ihr es begreift" (Sure 2, Vers 184). Danach richten sich viele Muslime noch heute im neunten Monat des Jahres, dem Ramadan. Solange die Sonne am Himmel steht, essen, trinken und rauchen sie nicht.

Neben dem weltlichen gibt es auch eine geistliche oder spirituelle Form des Fastens. Es ist eine freiwillige Askese, ein Hinweis darauf, Gott zu folgen und die Gebote Gottes umzusetzen. Dabei enthält man sich freiwillig bestimmten Formen des Essens und des Trinkens. Fasten bezieht sich also nicht nur auf einen bestimmten Bereich. Auch das Überprüfen der Lebensgewohnheiten und des Lebensstils kann eine Facette der sieben Wochen darstellen. Sport treiben, mehr Zeit für die Familie aufbringen und sich aus den kleinen Abhängigkeiten des Alltages, wie dem allabendlichen Fernsehkonsum, zu verabschieden. So oder so ähnlich könnte die Fastenzeit aussehen. Dann sind sowohl die Abkehr vom Gängigen als auch das Öffnen für neue Erfahrungen das Ziel. Auf was man dabei verzichtet oder ob überhaupt irgendwo Abstriche gemacht werden, bleibt jedem selbst überlassen. Das allgemeine Wohlbefinden kann auch ein Anlass sein, die Zeit zu nutzen. Wer an seine Gesundheit denkt, kann sich vornehmen, aufs Rauchen, auf Alkohol und Süßigkeiten zu verzichten und stattdessen regelmäßig Obst und Gemüse zu essen.

Der Stammheimer Jugendhausleiter Michael Klamm zum Beispiel macht seit Jahren regelmäßig nach Fasching einen Gesundheits-Check beim Arzt und verzichtet 40 Tage lang auf Dinge, die ihm sonst lieb sind. „Selbstkontrolle", benennt er die Motivation dafür, dass er in den kommenden sieben Wochen nicht zu Alkohol und süßen Leckereien greifen möchte. Einzig die Pfeife am Abend will er sich gönnen. „Das Zigarettenrauchen habe ich mir vor vier Jahren ganz abgewöhnt. Entscheidend ist und bleibt allein der Wille." Brigitte Müller will in diesem Jahr nicht fasten. „Ich habe das schon in der Vergangenheit öfter getan, allerdings keine 40 Tage, sondern in der Regel zwei Wochen." Vom Fasten auf Kommando halte sie nichts, außerdem faste sie lieber während der warmen Jahreszeit. „Ich habe mit dem Saftfasten sehr gute Erfahrungen gemacht, .sowohl geistig, vor allem aber auch körperlich, und kann das jedem weiterempfehlen, der gesund ist." Allerdings solle man sich vorher genau darüber informieren, „sonst fällt man auf die Nase". Ihr Mann Winfried Beer vom Kneipp-Verein fastet dagegen nicht, und er hält auch nichts vom Verzicht nach Fasching: „Ich rauche nicht und saufe nicht - bei mir ist das ganze Jahr Fastenzeit", sagt er schmunzelnd. Ähnlich sieht es der 44-jährige Taxiunternehmer Peter Link. Er verzichtet in den kommenden sieben Wochen nur auf eines - auf den Verzicht. „Ich werde in der Fastenzeit gar nichts verändern, weil ich mich auch so einschränke."


Von Tobias Zier
Entnommen aus der "Nord-Rundschau", mit freundlicher Genehmigung.


26.02.2007

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