Viele erinnern sich an die Zeit vor 20 oder 30 Jahren, als das Baumsterben beklagt wurde. Welch Wandel - zum negativen - hat sich doch seitdem vollzogen: Im Vergleich zu damals geht es unserem Wald heute noch viel schlechter - dank Klimawandel und unserem Lebensstil. Nur redet kaum einer darüber. Gut, dass es Ausnahmen gibt wie den Revierförster für den Stuttgarter Norden, Dieter Hagenmüller.
Dieser hat der "Nord-Rundschau" in einem ausführlichen Artikel einen umfassenden Einblick in das wahre Befinden unseres Naherholungsgebietes Nr. 1 gegeben.
Wir freuen uns, Ihnen diesen Artikel nun auch bei uns untenstehend mit freundlicher Genehmigung der "Nord-Rundschau" zugänglich machen zu dürfen und möchten an dieser Stelle auch auf mehrere frühere Artikel und Interviews, die wir mit Dieter Hagenmüller zum gleichen Thema in den letzten Jahren veröffentlicht haben, aufmerksam machen:
"Der Herbst, der ein Frühling war" (Herbst 2006 - zum Thema "zu warmer Herbst") "Von wegen langer, harter Winter!" (März 2006 - zum Thema Waldsterben und Klimawandel) "Gravierende Waldschäden auch bei uns!" (Dezember 2004 - zum Thema "Folgen des Jahrhundertsommers 2003")
Es lohnt, auch diese Artikel nachzulesen und sich dabei ein eigenes plastisches und chronologisches Bild zu machen, wie rasant und unerbittlich sich seitdem die Entwicklung in Bezug auf den leider viel zu spät nun endlich zum Thema gewordenen Klimawandel beschleunigt hat - und wie dringend notwendig ein wirkliches Umdenken ist.
Notschlachtung der tausend Eichen
Trockenheit der vergangenen Jahre hat Bäumen schwer zugesetzt - Im Stuttgarter Norden werden Hunderte gefällt.
Revierleiter Dieter Hagenmüller ist angefressen. Infolge des milden Winters sind in den vergangenen Wochen überraschend große Schäden sichtbar geworden. Vor seinen Augen stirbt der Wald, und der Förster kann nichts dagegen tun. Das einzige, was ihm bleibt, ist, den Schaden zu begrenzen; er lässt hunderte absterbende Eichen fällen - eine Notschlachtung.
Von oben kommt schon lange nichts Gutes mehr. Wenn Dieter Hagenmüller seinen Blick nach oben richtet, sieht er nicht den blauen Hinimel, dann sieht er totes Holz. Immer öfter und immer mehr. Heute schaut er nach vorn und bahnt sich seinen Weg durchs Unterholz des Föhrichwaldes. Eine Handaxt in der Linken, eine Spraydose mit blauer Farbe in der Rechten. An einer einst stattlichen Eiche macht er Halt und schlägt mit gezielten Hieben mehrere handbreit Borke ab. Darunter kommt das mittlerweile trockene Splintholz zum Vorschein; durchzogen von einem engmaschigen Netz aus Larvengängen. „Hier haben sich die Larven des Eichenprachtkäfers ihren Weg durchgefressen und dem Baum sozusagen den Saft-Strom abgeschnitten", sagt Hagenmüller. Und als würde die eine Prachtkäfer-Plage allein nicht ausreichen, haben sich im Baum noch andere Schädlinge breit gemacht: Kernkäfer und Bockkäfer. Sie haben ebenfalls ein Tunnelsystem gebohrt, diesmal allerdings viel tiefer in den Stamm hinein als ihre Vorgänger.
Doch auch die Kern- und die Bockkäfer sind längst ausgeflogen. Hinterlassen haben Sie nur das feine Bohrmehl in den Borkenspalten sowie kleine Abfluglöcher - und einen weiteren halbtoten Baum. Geschwächt durch monatelange Trockenheit konnte die mehr als hundert Jahre alte Eiche dem Ansturm der Käfer nicht mehr Stand halten. „Ein gesunder Baum, der voll im Saft steht, würde die Käfer herausdrücken", sagt Hagenmüller. Dass auch dieser Baum es versucht hat, davon zeugen schwarze Flecken von eingetrocknetem Schleim an der Borke. Die Eiche hat den Kampf verloren. Der Förster markiert den Todeskandidaten mit blauer Farbe. In den kommenden Tagen wird der Baum gefällt werden - als einer von mehreren Hundert.
Um zu sehen, wie krank die Bäume sind, dazu braucht Hagenmüller schon lange keine Axt mehr. Man kann es an den Kronen erkennen; ihnen fehlt das Feinreisig. Wo gesunde Bäume kleine Verästelungen bilden würden, da treiben die kranken Pflanzen nicht mehr aus, stattdessen sterben die Zweige ab. Zusätzlich picken die Spechte Borke weg, auf der Suche nach Käferlarven - die abgeschälten, hellen Stellen sind weithin sichtbar. Die vielen heißen Monate ohne ausreichend Wasser haben an den Kräften der Pflanzen gezehrt. Viele sind stehend K.O. und können sich gegen den Schädlingsbefall nicht mehr wehren. Diese Käferarten sind eigentlich Sekundärschädlinge, das heißt, sie befallen normalerweise nur gefälltes Holz oder stark geschwächte Bäume. „Dass sie so vielen stehenden Bäumen derart zusetzen, das ist neu." Neu ist auch das Ausmaß der Tragödie, denn verhältnismäßig große Flächen sind mit toten, beziehungsweise todkranken Bäumen durchsetzt. „Früher waren das einzelne Exemplare, die man dann auch mal stehen lassen konnte - als Biotop."
Nun müssen die Kettensägen ran. 800 Hektar misst Hagenmüllers Revier, das entspricht etwa 800 größeren Fußballfeldern. Zwischen 4000 und 5000 Festmeter Holz sind in dieser Saison planmäßig gefällt worden. Jetzt müssen rund 1000 zusätzliche Festmeter fallen. Das sind rund 1000 der 50- bis 150-jährigen Eichen. "Sanitärhieb" heißt das ihm Fachjargon, Notschlachtung nennt es Hagenmüller. In Teilbereichen müssen die Waldarbeiter rund die Hälfte der stehenden Eichen zusätzlich entfernen. „Das Waldbild wird sich kolossal verändern." Wer meint, die Bäume würden der Profitgier geopfert, der solle sich ein persönliches Bild vom Krankheitszustand der Bäume machen, empfiehlt Hagenmüller: „Im Bereich des Lindentalweiers in Weilimdorf zum Beispiel sind bereits dutzende Eichen mit blauer Farbe markiert."
Die betroffenen Bäume einfach stehen lassen, das geht nicht, aus dreierlei Gründen: „An öffentlichen Straßen haben wir die Verkehrssicherungspflicht und tragen die Verantwortung." Je kranker der Baum, umso geringer der Preis. „Ein Festmeter bestes Stammholz erlöst 500 Euro, wenn die Bock- und Kernkäfer es erstmal zu Brennholz machen, bekommt man vielleicht noch 50 dafür." Ein dritter, wichtiger Grund liege im Schutz der Nachbarbäume. „Wenn man die kranken Bäume nicht entfernt, greifen die Schädlinge über kurz oder lang auf den gesunden Bestand über", sagt Hagenmüller, und fügt im selben Moment an: „Aber ich sehe hier kaum noch wirklich Gesunde."
Vor 28 Jahren, als er das Revier im Stuttgarter Norden übernommen hat, war die Welt zwar nicht völlig in Ordnung, aber doch noch eine andere. Der erste Schock für Hagenmüller erfolgte 1990 mit dem Orkan Wiebke. „Damals glaubte man, dass ein Förster nur mit einem Sturm solchen Ausmaßes pro Amtszeit zu rechnen hätte." Von wegen: 1993 folgte Lore, 1999 dann Lothar, 2007 Kyrill. „Beim letzten Orkan hatten wir nochmal Glück." Parallel dazu kam die Trockenheit, und mit ihr kamen die Schädlinge: Eichenprozessionsspinner, Schwammspinner, Frostspanner und eben jetzt der Prachtkäfer - er ist im Prinzip der Borkenkäfer der Eichen.
Ein Jahr nach dem Jahrtausendsommer 2003 wurden die ersten großen Hitzeschäden offenbar. „Seither hatten wir fast jeden Monat deutlich weniger Niederschlag und höhere Temperaturen als im langjährigen Mittel." Auf der höchsten Erhebung im Revier, dem Heukopf, ist der Wald bereits auf etwa vier bis fünf Hektar flächig abgestor- ben. Neben diesem Gebiet seien nun der Föhrichwald und der Schützenwiesenwald betroffen. Alles Auswirkungen des Klimawandels. Ein Ende der Schäden ist nicht in Sicht. „Ich bin kein Pessimist, sondern Realist, aber wenn die Entwicklung so weitergeht und nicht ein Wunder passiert, dann werden wir schon bald in weiteren Waldbereichen ähnliche Probleme bekommen - nicht nur im Stuttgarter Norden."
Von Chris Lederer
Mit freundlicher Genehmigung der "Nord-Rundschau"
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