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Theater der Träume:
Ein Leben im Cinema Paradiso von Rot


Filme sind sein Leben: Der 69-jährige Franz Mergel blickt auf zwei Jahrzehnte als Filmvorführer zurück. Von 1965 bis 1985 wechselte er als Vorführer die Rollen in den Roter Heimatlichtspielen. Heute besitzt der 69-Jährige eine Videothek. Die Leserführung der Nord-Rundschau im UFA-Palast wurde für Mergel zu einer Reise in die Vergangenheit.

Das abendliche Leben in Giancaldo, einem kleinen sizilianischen Nest, spielt sich im Cinema Paradiso ab. Dort verprassen die Dorfkinder das Geld, das ihnen ihre Mama gab, weil sie eigentlich Milch kaufen sollten. Dort lachen Alt und Jung über Charly Chaplin, dort teilen sie Stofftaschentücher, wenn ihnen ein trauriger Film die Tränen in die Augen treibt. Und dort arbeitet der grimmige, aber gutherzige Alfredo, Meister der Magie - Filmvorführer. "Du freust dich, wenn die Leute lachen. Du glaubst, dass du sie zum Lachen gebracht hast", verrät er dem kleinen Toto, der so gerne so wäre wie er.

Giuseppe Tornatores oscarprämierter Film "Cinema Paradiso" gehört zu Franz Mergels absoluten Lieblingsfilmen. Das will etwas heißen, hat der 69-Jährige in seinem Leben doch viele Filme gesehen. Tornatores Werk ist eine Liebeserklärung an den Zauber des Kinos. Und der kleine Toto, aus dem ein bekannter Filmregisseur werden wird, hat so manches mit Franz Mergel gemeinsam. Mit sechs Jahren bereits schaute dieser in seiner Geburtsstadt Belgrad dem Onkel, einem Filmvorführer, bei der Arbeit zu. Der Projektor ließ konsequent ratternd Johnny Weismüller als Tarzan über die Leinwand flimmern. "Wer einmal dieses Rattern hört, der kommt nicht mehr davon los", erinnert er sich.

1951 ist Mergel nach Stuttgart gekommen. Als Donauschwabe musste er nach dem Zweiten Weltkrieg aus der alten Heimat flüchten. "Wir waren plötzlich die Bösen, obwohl wir nie etwas getan hatten", sagt er. Da die Familie Verwandte in Rot hatte, kamen die Mergels nach Stuttgart. In Beutelsbach arbeitete Franz Mergel als Mechaniker. Dann kam das Jahr 1965.

Es war eigentlich kein guter Zeitpunkt, ein Kino aufzumachen. Die Filmbranche geriet durch die Einführung des Farbfernsehens in eine ernsthafte Krise. Doch der Filmpionier Wilhelm Holzmer war trotzdem guten Mutes, als er die Heimatlichtspiele eröffnete, eines der ältesten Kinos der Stadt. Zwei Tage lang wurde mit allerhand Prominenz gefeiert, am dritten Tag stattete Franz Mergel dem Sohn und Pächter Klaus Holzmer einen Besuch ab. Er suchte einen Nebenjob. Und er sollte ihn bekommen.

Alles, was man als Filmvorführer wissen muss, hatte sich Mergel durch das Studium von Broschüren selbst beigebracht. Künftig leistete er vor allem an den Wochenenden Knochenarbeit. Bis mittags arbeitete er als Mechaniker, um 14 Uhr begann die Kindervorstellung. Um 22 Uhr strömten die Zuschauer schließlich zu Filmen wie der "Rocky Horror Picture Show" - in passender Verkleidung. Im Saal saß dann keiner still. "Und am Morgen danach hatte die Putzfrau jede Menge zu tun", sagt Mergel.

Das Leben seiner Familie spielte sich fortan häufig in den Heimatlichtspielen ab. Die Mergels pachteten die Bar und den Süßwarenverkauf, Tochter Gabriele riss als Jugendliche Karten ab. Seine Fähigkeiten als Mechaniker ermöglichten es Franz Mergel, die Filme selbst anzuschauen, ohne Angst haben zu müssen, den Moment des Überblendens zu verpassen. Eine Glocke, die er mit Metallringen verbunden hatte, warnte ihn drei Minuten bevor die Filmrolle ihr Ende erreicht hatte. 1985 schlossen die Heimatlichtspiele. Im unteren Saal betreibt Franz Mergel seit 1989 eine Videothek, die Leinwand ist immer noch da, versteckt hinter ihrem alten Vorhang. Aus dem oberen Saal des alten Kinos ist ein Supermarkt geworden. Doch das Gebäude wird bald abgerissen. Es muss der neuen Roter Mitte weichen.

Bei der Leserführung im UFA-Palast vor zwei Wochen lauschte Franz Mergel aufmerksam und gebannt den Ausführungen von Filmvorführer Udo Geißelhart. Viele Dinge haben sich seit Mergels Zeit verändert, genauso wie in der Unterhaltungswelt. Mit den meisten Filmen von heute kann Franz Mergel überhaupt nichts mehr anfangen. Verwackelte Kameratechniken, wirre Schnitte. "Mir ist das alles viel zu schrill. Und wenn ich das Wort ,Action" höre, bekomme ich einen dicken Hals", sagt er. Doch die Erinnerung an die alte Zeit lebt weiter. Nicht nur in Filmen wie "Cinema Paradiso".


Von Benjamin Schieler
Mit freundlicher Genehmigung der Nord-Rundschau


16.08.2007

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