Rot. Das Seniorenheim Adam Müller-Guttenbrunn hat sichauf 'kultursensible Pflege' eingestellt: Dajana Pejic ist ein Glücksfall. Mit ihrer Klarheit und Herzlichkeit, aber auch mit ihrer Mehrsprachigkeit. Davon kann Anna Kudic ein Lied singen, auch wenn ihr nicht allezeit zum Singen zumute ist.
Seit zweieinhalb Jahren ist die 64-Jährige zur Pflege im Heim in Rot, und wenn ihr mal wieder etwas weh tut, und wenn sie dafür das richtige deutsche Wort nicht zu finden weiß, ist Dajana Pejic zur Stelle. Beide kommen aus Kroatien, beide haben sich einen sicheren Zugriff auf die Sprache ihrer Kindheit bewahrt: "In dieser Sprache kann Anna die heiklen Dinge besser erklären", sagt Pejic. Auch sonst hilft die Muttersprache. Ein "Dobro jutro" etwa für den "Guten Morgen", das "Dobar tek" für den "Guten Appetit". "Man sieht, dass sie sich dann gleich wohler fühlt. Besonders an Tagen wenn sie sehr verschlafen ist", erklärt Pejic, seit 17 Jahre Pflegerin in Rot, Chefin der Abteilung.
Anna Kudic lächelt. Was ihr Freude macht? "Wenn ich Besuch habe von den Kindern und den Enkelkindern. Der Gottesdienst und ein schönes Wort." Nun hat sie die Augen richtig auf, strahlt und fügt hinzu: "Die geben sich Mühe hier." Das hört Dajana Pejic natürlich gerne: "Aber das ist ganz normal für uns. Wir hatten schon immer auch Menschen aus anderen Ländern. Aus Rumänien, Ungarn, Russland oder dem einstigen Jugoslawien. Aber jetzt haben wir auch Richtlinien für sensible Pflege. Jetzt kann man das bewusster machen. Da lege ich mir auch mal einen Satz in einer mir fremden Sprache zurecht."
Glücksfälle sind willkommen, keine Frage. Auf sie verlassen will sich Joachim Reiter allerdings nicht. Seit April leitet der 45-Jährige das Pflegeheim der Caritas, über zwei Jahrzehnte war der Sozialpädagoge zuvor in der Wohnungsnothilfe tätig. Doch das Thema kulturelle Pflege kennt er bereits aus dem Effeff. Es ist ihm eine Herzensangelegenheit, und er weiß um dessen gesellschaftliche Brisanz: "Ältere Migranten sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe. Darauf wollen wir uns vorbereiten." Die Krux dabei: "Diese Menschen kommen in der Altenpflege nur schwer an. Jedenfalls weit unter dem prozentualen Anteil an der Gesamtbevölkerung." Das gilt auch für das Guttenbrunn-Heim. Obwohl es einst von Migranten als "Neue Heimat" gebaut wurde. Von Flüchtlingen und Vertriebenen, Banater Schwaben vor allem, die dem Haus dann auch den Namen einer literarischen Leitfigur ihres Volksstammes gaben. "Migranten der ersten Stunde", für die nun im Falle der Pflegebedürftigkeit der Einzug ins Heim keine Hemmschwelle darstellt. Im Gegensatz zu den Arbeitsmigranten der 60er Jahre, den so genannten Gastarbeitern, von denen es in Rot, das nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Boden gestampft wurde, besonders viele gibt. Griechen, Spanier, Italiener: "Die sind bei uns zwar vertreten, aber weit unter Durchschnitt", erklärt Reiter. Und fast schon dramatisch stellt sich für ihn die Situation für Pflegebedürftige muslimischen Glaubens dar: "Sie sind in den Einrichtungen kaum vertreten. Das wird weitgehend von den Familien aufgefangen. Der Schritt zur adäquaten professionellen Hilfe wird nur in Ausnahmefällen gegangen. Auch auf Kosten der Pflegenden, vor allem der Frauen."
Dass das nicht so bleibt, daran arbeitet das Heim seit mehr als drei Jahren. Unmittelbar greifbares Ergebnis: ein schlankes Handbuch zur kultursensiblen Pflege. Richtlinien, die dazu beitragen sollen, "dass eine pflegebedürftige Person entsprechend ihrer individuellen Werte, kulturellen und religiösen Prägungen und Bedürfnisse leben kann". Eine Handreichung für die Mitarbeiter, von ihnen selbst mit entwickelt. "Wir haben Menschen aus 20 Nationen, und wir versuchen, jedem gerecht zu werden", versichert Reiter, "und das geht bis in die Details der Pflege." Etwa, dass bei Muslimen Frauen nur von Frauen, Männer nur von Männern gepflegt werden dürfen. Oder welche Körperteile in welcher Reihenfolge, mit welcher Hand der Intimbereich gepflegt werden darf. Aber auch Fragen der Trauerarbeit im Todesfall: "Da gibt es ja auch bei Christen unterschiedliche Bedürfnisse", stellt Reiter fest und ergänzt: "Auch hier ist uns die Zusammenarbeit mit den Angehörigen sehr wichtig."
Die Hausaufgaben für den Alltag im Heim hat das Adam Müller-Guttenbrunn-Haus also gemacht: "Die Mitarbeiter tragen das selbstbewusst und auf breiter Basis. Es ist ein Geist, der auch nach innen Zusammenhalt stiftet." Schwieriger, mühsamer stellt sich der Weg nach außen dar. Wie werden Bedürftige aller Kulturkreise auf das Angebot überhaupt aufmerksam? Und wie könnten sie dann mit ihren Familien den für alle hilfreichen Schritt ins Heim schaffen? Vorneweg gelte es, sagt Reiter, "unser Angebot bekannt zu machen. Alle sollen wissen, dass wir ein offenes Haus sind, für alle Teile der Bevölkerung. Wir haben zwar einen katholischen Träger, aber hier wird niemand missioniert, niemand muss ein Kreuz auf dem Zimmer haben", versichert der Heimchef
Und im Detail gebe es "viele gute Ansätze", erklärt er, "etwa über den Migrationsdienst der Caritas." Früchte trage bereits das Bemühen, ehrenamtliche Mitarbeiter zu interkulturellen Begleitern auszubilden: "Das sind Kulturdolmetscher, das wollen wir forcieren." Auch zur Islamischen Gemeinde gebe es bereits Kontakte, zudem "eine Diskussionsgruppe mit der Caritas. Das ist ein Prozess, für den wir aber Geduld brauchen", sagt Reiter und betont: "Ich bin da sehr optimistisch gestimmt." Betroffene dürften es gerne hören, denn der Pflegefall kennt keine Grenzen.
Von Georg Linsenmann Mit frdl. Genehmigung der Nord-Rundschau |